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Ernsthaftigkeit trifft Leidenschaft
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Foto: PR
Die Band auf myspace
Die Musikszene der Stadt ist lebendig wie lange nicht. Das belegt unsere Serieüber Leipziger Bands, die heute mit der 100. Folge endet. Zum Schluss porträtieren wir die Shandy Mandies, eine der großen Hoffnungsträger in Sachen Leipziger Rock ’n’ Roll.

„Du kannst dich auf der Bühne nackt ausziehen oder deine Lautstärke aufreißen, bis nicht mehr ankommt, was du spielst – und? Die Pistols waren 1977 die ersten, die im Fernsehen geflucht haben. Die Stones haben damals gegen eine Tankstelle gepinkelt. Oasis haben sich beim Interview im Radio verprügelt. Jetzt ist alles ziemlich langweilig.“ Seit einer halben Stunde diskutieren wir, ob und wie man eine Rebellion mit Rock ’n’ Roll entfachen kann. „Vielleicht haben wir gerade ’ne Phase, in der alles so öde ist wie in den 70ern“, resümiert Olli „Britte“ Meisel, Sänger und Texter der Shandy Mandies, seine Einschätzung.

Die Medien haben sich geändert. Es gibt wenig, was man heutzutage tun kann. „Aber vielleicht sind wir noch nicht wirklich unten“, vermutet der Sohn einer Britin. Schließlich einigen wir uns darauf, dass man nicht die dicksten Klischees braucht, um Jugendlichkeit zu vertonen. Und das ist Grundsatz bei der Leipziger Band. „Man muss merken, dass die Leute, die es machen, es auch ernst meinen.“ Dass die Etikette Rock ’n’ Roll nicht ganz ohne die nötige Hintergrund-Beleuchtung auskommt, mag verständlich sein. Als Meisel auf der Suche nach einer neuen Band war, traf er auf Andreas Helch – zu diesem Zeitpunkt noch Schlagzeuger bei den Leipzigern The Lonely Hearts Club Band. „Der Typ hatte schöne
Stiefel und eine schicke Jacke, und überhaupt mag ich es, wenn Anfang- 20-Jährige klingen wie aus den 60ern.“ Was dann unter Mithilfe von Sebbi Költzsch und dem Amerikaner Patrick Burkholder entstand, ist eine Band, für die man jetzt schon dankbar sein kann. Eine Gruppe, die bei aller Zitatspielerei aus gültigem Rock und Beat eine Eigenständigkeit hat, die nicht nur beim Erinnern hilft, sondern auch nach vorne schaut.


Kompakt
Genre: Power-Pop, Surf Music, Rock ’n’ Roll

Besetzung: Olli „Britte“ Meisel (Gesang), Sebbi Költzsch (Gitarre, Gesang), Patrick Burkholder (Bass), Andreas Helch (Schlagzeug)

Diskografie: Where Does She Go / Run & Hide – 2- Track-Tape; EP auf 7-Inch ist in Arbeit

Konzerte: 25. Juli beim Festival L’abore in Hauptmannsgrün (20 Uhr, Infos auf www.borwaerk.de), 6. August zusammen mit The Pains Of Being Pure At Heart in der Nato Leipzig (21 Uhr, Infos auf www.nato-leipzig.de).

Sicher geht es hier auch eindeutig darum, ein Genre über die Generationen zu tragen. Aber es macht besonderen Spaß zu sehen, dass der Rock ’n’ Roll noch keine Krücken braucht, um über den Tag zu kommen. Es hört sich schon fast traditionsbewusst an, wenn Meisel über seine eigene kleine Rolle in einem größeren Zusammenhang sinniert: „Wenn es irgendwelche Kids geben sollte, die wegen Shandy Mandies eine Band gründen, hab’ ich alles erreicht, was ich will.“

Leipzig und seine Bands dagegen scheinen ihm herzlich egal zu sein. Auch wenn er gesteht, dass es tatsächlich einige gute Combos in der Stadt gibt, findet er kaum eine, die ihn vom Hocker reißt – von einer Szene ganz abgesehen: „Eine Musikszene existiert hier nicht. Es gibt genug Bands in Leipzig, aber auch genug Dönerläden – man redet deswegen jedoch nicht von einer Dönerszene.“ Das Spiel mit einer gesunden Überheblichkeit wird hier immer mit einem ironischen Auge gesehen – und tatsächlich sind sie fast die einzigen, die diesen Stil in einer berauschenden Geschwindigkeit fahren.

Ihre Live-Shows sind überaus energiegeladen und charmant und lassen keine Zweifel daran, dass diese Band ihren Weg gehen wird. Für die Perspektive hat man auch in jüngerer Vergangenheit einiges getan. Es gab zwei Aufnahmesessions: eine im Leipziger Studio von Rafael Weisz, der einigen von seiner Ex-Band Napoleon bekannt ist, eine zweite in Erfurt, ebenfalls in einem professionellem Setting. Die entstandenen Mixe sollen über das Jahr als 7-Inch-Reihe erscheinen. Ein komplettes Album ist vorerst nicht in Sicht, doch Leipzig darf auf einige wirklich relevante Rocksongs hoffen.


Bandserie
Weitere Bands im Portrait
Wenn man dabei nur im Ansatz an das internationale Gardemaß eines Songs wie „Shackles“ heranreicht, der auf ihrer Myspace-Seite zu hören ist, kann eigentlich nichts aus der Form laufen. Auch den Sprung über die Stile hinweg kann man wohl bald beobachten: Adam Paul – ein renommierter Berliner House-DJ – hat angekündigt, einen der Tracks zu remixen. Damit tun sie sich nicht nur selbst einen Gefallen, sondern auch allen Stimmen, die meinen, Rock ’n’ Roll habe über die Jahre Staub angesetzt. Leipzig hat mit den Shandy Mandies in jedem Fall eine überaus hoffnungsvolle Band, die sich ihre Ernsthaftigkeit mit einer amtlichen Portion Leidenschaft teilt. Und wenn es Letzteres ist, was Rock ’n’ Roll auslösen soll, muss man ja auch nicht immer gleich etwas anzünden, um verstanden zu werden.

Patrick Sudarski



letzte Aktualisierung: 10.07.2009 13:22:06



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