 |
|
|
 |
 |
Ein Minzbonbon für alle |
 |
 |
 |
|
Die Musikszene der Stadt ist lebendig wie lange nicht. Das belegt unsere Serie über Leipziger Bands. In Folge 98 porträtieren wir Live From Las Vegas. Eine Gruppe, die lieber Geschichten erzählt, als der Wahrheit ins Auge zu sehen. Denn die kann manchmal ganz schön langweilig sein.
Möchtest du Cappuccino oder Café au lait? Das ist aber aufmerksam. Dresen, der Schlagzeuger, kommt mit zwei Automatenkaffees in den Proberaum gestiefelt. Sein Bandkollege Tim fummelt an seinem Bass herum und nimmt dann auf einem Sofa in der durchaus gemütlich wirkenden Sitzecke Platz. Hinter ihm eine Sammlung alter Bierflaschen, allesamt während der Proben geleert, möchte man meinen. Ganz ordentlich hier, nicht wie man immer denkt, dass Proberäume von Bands stinken oder schlampig und verdreckt sind. Nein, hier ist es eigentlich ganz nett.
Auf ihrer Myspace-Seite rühmen sich die vier Jungs mit der Märchengeschichte, sie hätten sich allesamt im bunten Trubel von Las Vegas kennen gelernt. Die Wahrheit sieht weniger spektakulär aus. Aber so richtig raus rücken sie nicht mit der Sprache, lieber behalten sie ihr anonymes Künstler-Image. Es könnte sich jedoch wie folgt zugetragen haben. Der Westen der USA wird einfach zum Leipziger Westen. Dort lungerte eines schönen Nachmittages Schlagzeuger Dresen zum Kultur-Trödelmarkt Westbesuch auf der Karl-Heine-Straße, zurückgeblieben nach einer durchzechten Nacht, in der einen Hand eine Tasse Kaffee, die andere stützte seinen Kopf, der sonst auf den Tisch zu fallen drohte. |
| Kompakt |
 |
Genre: Bazooka Beat, Garagenrock
Bandmitglieder: Tim Woelke (Bass), Billy Boston (Gesang, Keyboard), Dresen (Schlagzeug), Mr. B.G. (Gitarre, Background-Gesang)
Diskografie: Live From Las Vegas (Album 2008)
Konzerte: 3. Juli, 20 Uhr, Die Villa (Lessingstraße 7) mit Weng Holster feat. Pelz, The Squibs, The Doc Foster Band (Auftakt der Reihe Le-Band-09); 4. Juli, 19 Uhr, Underground (Karl-Heine Straße 63) beim Westbesuch; 19. September Literaturfest des Verbands deutscher Schriftsteller (Ort steht noch nicht fest). Auf Tour mit Elsterclub: 7. Oktober Hildesheim, 8. Oktober Braunschweig, 10. Oktober, 21 Uhr, Leipzig, Kultiviert Anders (Zschochersche Straße 61) |
 |
 |
|
Die Uhr stand auf halb zwei, als ein Typ das Lokal betrat und sagte: Du spielst doch Schlagzeug, oder? Im Gepäck hatte der Fremde den Bassisten Tim Woelke. Dieser sowie seine Kollegen Billy Boston und Mr. B.G. waren auf der Suche nach einem Drummer. Sie fanden ihn, und Live From Las Vegas war geboren. Das war im Februar 2008.
Ihre wirklichen Identitäten geben die Musiker aber partout nicht preis auch wenn anzunehmen ist, dass Billy Boston und Co. von ihren Eltern bürgerliche Namen bekamen, da sie sich nun also schon nicht in Las Vegas getroffen haben. Der Peinlichkeit, diese zu nennen, entgehen sie, indem sie sich zieren zuzugeben, wer und was hinter ihren Pseudonymen steckt. Das Quartett scheint von Verfolgungswahn geplagt, und so ist nicht viel über das wahre Leben der vier Freunde zu erfahren. Irgendwie arbeiten alle im organisatorischen Bereich klingt doch gut und passt immer. Es kommt jedoch auch vor, dass man sich mal mit Taxifahren durchschlägt, sagt Billy. So fristen sie vielleicht doch nur vor sich hin, fernab vom umjubelten Musikerdasein.
Privat sehen sie eigentlich ganz normal aus, nur Tim, der große Lange, wirkt auch außerhalb der Bühne wie aus der guten alten Zeit, mit seinem karierten Hemd und den Perlmutt-Druckknöpfen. Auf der Nase trägt er eine Woody-Allen-Brille. Sänger Billy Boston ist zwar Frontmann, aber der Kleinste in der Runde. Er holt auf, indem er seine Koteletten stehen lässt, die zielstrebig auf dem Weg sind, seine Mundwinkel zu berühren. Auch schick. Auf der Bühne wirft man sich dann in Schale. Mal im weißen Overall, mal im Anzug mit Rüschenhemd, mal mit Kordhose und 70er-Ringelshirt, mal mit Hawaiihemd und Sonnenbrille anders sind sie allemal. Genauso wie ihre Musik. Bazooka-Beat nennt sich die Eigenkreation, nach den Vorbildern Frank Zappa, Motörhead und Rainbow. Kenner der Musikszene werden damit etwas anfangen können, für Nichtkenner könnte man die Musik von Live From Las Vegas auch ganz simpel auf Garagenrock herunterbrechen. |
|
Derzeit entwickelt die Band immer mehr Hardrock-Elemente, die sich mit einem Disco-Schlagzeug auch ganz schnell in einen Popsong verflüchtigen können. Prinzipiell handelt es sich um einen durchsichtigen, sehr direkten Sound, mal funky, mal ein bisschen rockiger. Mit dem Beat der 60er ist er auf jeden Fall tanzbar. Unsere Musik ist wie ein Mandala zum Ausmalen, das auf Kinderfesten verteilt wird, verdeutlicht Dresen. Die Texte sind in Englisch und stammen meistens vom Sänger. Große Geschichten erzählt er nicht, es handelt sich vielmehr um Floskeln und Phrasen, die sich zu einem Ganzen verbinden und Spielraum für die eigene Interpretation zulassen.
Eigentlich kommen die vier aus dem Westen. Irgendwann landeten sie jedoch in Leipzig, und es gefällt ihnen. Es ist schön hier, sagt Tim und erhält Zustimmung von Billy. Hier gibt es viele Freiräume, künstlerisch tätig zu sein.
Sie sind selbst äußert produktiv. Zwar machen wir uns keine Illusionen über kommerziellen Erfolg, aber in dem, was wir tun, sind wir konsequent, fügt Billy hinzu. In nur knapp eineinhalb Jahren haben sie bereits ihre erste Platte produziert. Live From Las Vegas heißt das Debüt-Album, das die Energie der Band auf einem Tonträger bündelt. Denn diese wollen sie loswerden und die Leute umblasen, so Dresen. Wobei er und seine Kollegen das Energie-Verhältnis mit anderen Aktionen wieder ausgleichen. Als Betthupferl für die kreischenden Fans etwa gibts manchmal sogar ein Minzbonbon für alle. Dabei stelle man sich nicht irgendein Bonbon vor, sondern eins von früher, in schillerndem Grün, eingewickelt in einem einfachen durchsichtigen Papier, das genauso retro aussieht wie die Band. Das ist ja mal rührend.
Träume haben Live From Las Vegas nicht. Aber immerhin einen Plan. Sie wollen spielen und noch vor der Tour im Oktober ein Musikvideo drehen.
Viktoria Ludwig
Folge 99: Neun Welten |
|
 |
 |
 |
| letzte Aktualisierung: 24.06.2009 11:17:58 |
 |
|
 |
|
|
|