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Die wollen nur spielen
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Die Musikszene der Stadt ist lebendig wie lange nicht. Das belegt unsere Serie über Leipziger Bands. In Folge 90 porträtieren wir Toxic Society. Die Gothic-Metaller geben am Freitag ihr erstes Konzert seit anderthalb Jahren.

Mit Widersprüchen muss klar kommen, wer bei Toxic Society spielt. Im Probenraum landen zur Begrüßung Küsschen auf jeder Wange, aber dann wüten zwei Typen mit Ziegenbärten: Stanley Loimer trommelt wie das Tier der Muppet-Show, Bassist Danny Göhlitz grunzt ins Mikrofon. Puh! Als der Lärm verklungen ist, dringt durch, wie die zarte Marie-Louise Daniel ihre Geige stimmt.

Lange Linoleum-Flure führen in einer stillgelegten Druckmaschinen-Fabrik im Leipziger Norden in die 90 Quadratmeter, die sich Toxic Society mit befreundeten Musikern teilen. Vorbei an Werkstätten, Ateliers, einer Tanzschule und dem Yoga-Treffpunkt Wahren. Zwei Schlagzeuge stehen rum, Boxen, Mischpulte, zig E-Gitarren. Aber wenn Anne-Kristin Haustein singt, erzählt sie von vormodernen Zeiten. Von Meistern und Sklaven, von Gott und den Ketzern, von Pergament, Perlmutt und Goldbesteck.


Kompakt
Genre: Gothic Metal

Bandmitglieder: Anne-Kristin Haustein alias Ronnja (Gesang), Marie-Louise Daniel alias Malu (Geige), Franz Uhlig alias Herr F. (Gitarre), Andre Beinroth (Gitarre), Danny Göhlitz (Bass), Stanley Loimer (Schlagzeug)

Diskografie: Demos 2004, 2006 und 2009

Was macht diese Band aus? „Dass wir zusammengewürfelt sind“, sagt die Geigerin. „Dass wir sechs komplett verschiedene Typen sind“, sagt Gitarrist Franz Uhlig. Er erklärt, dass es meist Monate dauere, bis ein Stück fertig sei. Aber, fügt Andre Beinroth, ebenfalls Gitarrist, an: „So optimieren wir unsere Musik.“ Beinroth mag geradlinigen Rock á la Metallica. Uhlig, genannt Herr F., steht auf abgefahrenes experimentelles Düsterzeug. Schlagzeuger, Bassist und Sängerin bilden die Black- und Death-Metal-Fraktion in der Band. Geigerin Malu hört „alles, was so im Radio läuft, sogar Hiphop“ – „Was? Oh Gott“, zetert Trommler Stan.

Aus den unterschiedlichen Vorbildern resultiert eine druckvolle Mischung. Treibende Metal-Gitarren, verzerrter Bass, Double-Bass-Schlagzeug. Die Geige legt darüber entzückende Melodien. Anne singt klar und schön. Sie schreit gar nicht. „Gothic-Metal“ nennen Toxic Society ihr Genre, weil damit nicht mehr gesagt sei, als „dass die Gitarren verzerrt sind, wir dunkle Klamotten und einige langes Haar tragen“, erläutert Herr F.

Als sie vor bald sechs Jahren anfingen, klangen sie mehr nach Punk als nach Gothic, „was auch daran gelegen haben mag, dass außer Anne keiner sein Instrument beherrschte“, erzählt Schlagzeuger Stan. Die jetzige Sängerin spielte damals noch Geige; sie und Stan sind die einzigen Gründungsmitglieder in der aktuellen Besetzung. „Weiß und unschuldig“, wie sich Malu erinnert, übernahm sie ein halbes Jahr später das Instrument, mit süßen 16 Jahren. „Meine Mutter brachte mich zum Vorspielen, Stan und der damalige Bassist Markus holten mich in dunklen Kutten vor der Tür ab.“ Aber sie bissen nicht, sie wollten nur spielen.


Bandserie
Weitere Bands im Portrait
Der ursprüngliche Sänger verließ die Band, Anne übernahm die Aufgabe; seither nennt sie sich Ronnja. Violine und weiblicher Gesang prägen, wie Toxic Society klingen – egal, wie sehr die männlichen Kollegen wüten. „Die große Herausforderung ist, dass die Geige nicht nervt. Aber auch nicht untergeht“, erklärt Anne. Malu fügt unauffällig einen Satz an, der nur bescheiden klingt, so lange man nicht auf den Inhalt aufpasst: „Ich versuche, mich mal weniger rauszunehmen und mal mehr reinzubringen.“ – „Aha. Interessant“, findet Schlagzeuger Stan. Langsam wiederholt er Wort für Wort.

Auf die Worte zu achten, lohnt sich auch bei den Liedtexten, die Herr F. oder Ronnja dichten, und zu denen die Band die Musik meistens gemeinsam komponiert. „Die Inspiration ist eine ganz andere, wenn man sich in einen Text hinein fühlt“, sagt Gitarrist Andre. Gestalten aus Goethes „Faust“ oder Mary Shelleys „Frankenstein“ tauchen auf, das Wirken der Religion ist ein häufiges Thema. „Wir sehen uns nicht als antichristlich“, sagt Herr F. „Aber als kirchenkritisch.“ Stan ergänzt: „Wir sind keine Freunde von Massenmanipulation.“

Die Welt der Freunde der Nacht ist der gemeinsame Nenner. Kerzen erleuchten bei Toxic-Society-Konzerten den Raum. „Ich mag es, wenn Feuer-Fontänen aus der Gitarre spritzen“, sagt Franz. Von Konzeptkunst sprechen sie. „Toll wäre es“, schwärmt Andre, „wenn wir beim Wave-Gotik-Treffen spielen dürften“ – der Leipziger Szene-Treff, zu dem jährlich zu Pfingsten zehntausende Gothics anreisen, hat seine Spuren hinterlassen.

Statt eines WGT-Auftritts haben sich die sechs aber fürs erste selbst ihr Comeback organisiert: am Freitag in der Villa. Anderthalb Jahre ist das jüngste Konzert schon her. In der Zeit haben sie sich im Streit vom Ur-Basser und einer zwischenzeitlichen Sängerin getrennt, hat sich Danny Göhlitz angeschlossen, und Anne-Kristin Haustein ist zurückgekehrt. „Auf der Bühne zu stehen“, schwärmt sie, „das ist, wie ein zweites Leben zu führen“ – nicht umsonst gibt sie sich einen Künstlernamen. Sie alle brauchten diesen Kick unbedingt, erklärt sie, und da müssen sie alle lachen: Denn Bassist Danny, Annes Freund, sei in Wahrheit mächtig nervös.

Zwei Mal die Woche probt die Gruppe, zurzeit ausschließlich für den Gig. „Vielleicht buchen uns Metallica vom Fleck weg für ihr Arena-Konzert nächste Woche“, träumt Andre. „Ach“, entgegnet Malu, „so riesig wie Metallica müssen wir ja nicht werden. Die Größenordnung von Schandmaul, Subway To Sally oder der Letzten Instanz, das wäre fein. Von der Musik leben zu können, wäre traumhaft.“ Bis dahin verdienen fünf von ihnen ihr Geld in kaufmännischen Berufen, und Danny arbeitet als Drucker – sehr irdische Tätigkeiten. Aber Anne singt von Meistern und Sklaven, Gott und Ketzern, Pergament, Perlmutt, Goldbesteck. Und irgendwie ergänzen sich die Widersprüche zu einem stimmigen Ganzen.

Mathias Wöbking

Folge 91 der Bandserie: Nils Parkinson



letzte Aktualisierung: 17.05.2011 14:24:21



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