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Wie der Titel schon erahnen lässt, wird man beim Hören der zehn Titel kaum durch die Wohnstube tanzen wollen oder vergnügt Seifenblasen in die Abendsonne pusten. Ganz im Gegenteil: "The Crying Light" gräbt sehr tiefe Löcher in die linke Brusthälfte, die auch nicht einfach so nebenbei auszukosten sind. Spartanisch instrumentiert mit sanften und traurigen Klavierklängen sowie gelegentlichem Zutun von Cello, Horn und Violine, steht Antonys Falsett-Stimme im Mittelpunkt jedes Songs. Schon beim Opener "Her Eyes Are Underneath the Ground" erreicht sein Gesang verzehrend-klagende Höhepunkte, die in der heutigen, sonst weitgehend homogenen Popmusik ihres Gleichen suchen. Hörer, die bisher nicht mit seiner Kunst in Berührung gekommen sind, mögen in diesem Moment von der ungewöhnlich barocken Theatralik in seiner Stimme überrascht werden, aber auch bald feststellen, dass jene hier und jetzt ihre wundersame, ja fesselnde Berechtigung hat.
Wie Antony bekannt gab, sei "The Crying Light" in der Machart von der japanischen Ausdruckstanzkunst Butoh inspiriert. Einer der bekanntesten noch lebenden Vertreter, der inzwischen 102-jährige Kazuo Ohno, posierte entsprechend für das Plattencover. Zum regelrecht meditativen Charakter des Butoh passt auch Antonys Art Themen zu verarbeiten. Ruhig, abwartend, aber auch kraftvoll und mit Metaphern gespickt sind die Songs. Wie ein dichtes, aus unzähligen dünnen Fäden bestehendes Netz wird das Grundthema der Platte - die Beziehung des Menschen zur Natur - nach und nach manifestiert. In all der fundamentalen Melancholie in Antonys Kunst lässt sich natürlich ein Argwohn über die sich ausbreitende Industriegesellschaft nicht verhehlen, der hier zum Glück wenig profan in wunderschöne Bilder verpackt ist.
"The Crying Light" ist im Ganzen betrachtet eine anspruchsvolle Platte, die ein gehöriges Maß an Anteilnahme verlangt und mitunter in Richtung Jazz tendiert. Einige Stücke funktionieren aber auch heraus gelöst aus dem Albumkonzept als Popsongs, die man immer und immer wieder hören möchte, wie etwa das Titelstück, die erste Singleauskopplung "Another World" oder das wunderschöne "Daylight and the Sun".
Matthias Puppe, leipzig-live.com
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