Fasching hat auch in Leipzig Tradition
Wenn Verkleidungsmuffel dem Leipziger Karneval seine Tradition absprechen wollen, entlockt das Rüdiger Tauer nur ein müdes Lächeln. Denn er weiß es besser. Forscht der Hobby-Historiker vom Grünauer Garnevalsglub doch seit über 20 Jahren zur Geschichte der Leipziger Narreteien. Mittlerweile füllen Unmengen an Kopien, Büchern, Bildern und Karnevalsorden seine kleine Wohnung. Darunter Schätze wie alte handkolorierte Bildbände von 1867. Und noch immer stöbert Tauer auf Flohmärkten und in Antiquariaten nach neuen Fundstücken. Auch wenn seine Stücke längst ein kleines Museum füllen könnten.

Die ersten Vorformen des Faschings finden sich bereits im 16. Jahrhundert. Damals zogen Handwerker zum Ende der kalten Jahreszeit durch die Stadt. "Überbleibsel von heidnischen Bräuchen, welche böse Wintergeister vertreiben sollten", so der Leipziger. Dabei sei es regelmäßig zu Konfrontationen und blutigen Auseinandersetzungen mit Studenten gekommen , weshalb der Rat der Stadt diese Umzüge von 1597 und 1620 jedes Jahr aufs neue verbot. "Karneval, wie wir ihn heute kennen, war das aber noch nicht", schränkt der Fachmann ein. Ebenso wenig wie die Hoffeste der sächsischen Fürsten in Torgau und Dresden. In diesen seien aber bereits Faschings-Elemente enthalten gewesen. "Zum Beispiel Maskierung oder Verkleidung", verweist Tauer auf alte Quellen. "Nicht zu vergessen die Hofnarren, wie der berühmte Hofnarr Fröhlich unter August dem Starken."

Richtige Karnevalsfeiern sind Tauer erst ab 1815 bekannt. Zur selben Zeit, in der sich in Köln das erste Festkomitee bildete, gab es auch in Leipzig vier Vereine, denen erlaubt war, einen Karneval zu feiern. "Der Rest blieb aber außen vor, denn das waren geschlossene Gesellschaften von Künstlern und Kaufleuten", weiß der Geschichtsfan.

Die Bürger, die auch feiern wollten, aber nicht durften, witterten 1866 ihre Chance. Nachdem Leipzig eine Choleraepidemie überstanden hatte, riefen findige Bürger einen "Karnevalsumzug aus humanitären Gründen" aus, bei dem für Witwen und Waisen gesammelt werden sollte. "Der Umzug 1867 war dann aber so groß, denen ging es nicht ums Spendensammeln", ist sich der Historiker sicher. Denn "mehrere Stockwerke hoch" und "extrem prächtig" seien manche Wagen gewesen. "Es ist der blanke Wahnsinn, was es da gegeben hat", lacht er.

Bis 1876 zogen die Leipziger Jecken jedes Jahr durch die Stadt, dann verbot der frisch gewählte Oberbürgermeister Otto Georgi das närrische Treiben. "Bei einer Schlägerei am Rande hatte ein Passant ein Auge verloren", so Tauer. "Georgi war wirklich kein Karnevalsfreund."

Für die folgenden Jahre kann auch Tauer mangels Quellen nur Vermutungen anstellen: "Es war ein Auf und Ab. Die Vereine haben wieder nur Saalkarneval gefeiert." In den 1920er Jahren soll noch einmal ein Faschingsumzug geplant gewesen sein. "Aber das ist an der Wirtschaftskrise gescheitert."

Ein dunkles Kapitel in Leipzigs Karnevalsgeschichte prägten die Nationalsozialisten. "1938 und 1939 wurde von oben verordnet in ganz Deutschland Karneval gefeiert", sagt Tauer. Und da gab es bei den Umzügen nicht nur Narretei sondern auch Hetze und Propaganda." Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde dieses Kapitel auch wieder geschlossen und an Karneval war zunächst nicht zu denken.

Das änderte erst die DDR-Obrigkeit, die nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 ein Ventil für die Bevölkerung suchte. "Ruck, zuck wurde der Karneval ausgerufen." Der Rat der Stadt ließ einen Elferrat gründen, tauschte aber den eingesetzten Prinzen Heinz I. schnell aus, nachdem der gefragt hatte, ob es ein Karnevalsumzug oder eine Maidemonstration werden sollte. "Sein linientreuer Nachfolger hatte wenig zu lachen", berichtet Tauer. "Der wurde überall ausgepfiffen."

"Zum großen Umzug am Rosenmontag wurden dann Großbetriebe verpflichtet, Festwagen zu stellen", weiß Tauer von Zeitzeugen. "Aber da kamen Wagen auf die Straße, welche die SED nicht sehen wollte." Zum Beispiel mit Anspielungen auf den 17. Juni 1953 wie "Maurerschweiß hat seinen Preis" oder "Der Maurer is' keen Dummer, der arbeet nur im Summer". Flugs wurde hinterher der Elferrat aufgelöst und der Karneval verboten.

Aufgrund der großen Begeisterung bei den Leipzigern gab es zwar eine Neuauflage. Doch wieder waren am Rosenmontag Wagen dabei, die sich kritisch mit der Regierung auseinandersetzten. Grund genug für einen endgültigen Schlussstrich.

Erst mit dem Bau der Mauer 1961 wurden die Zügel wieder etwas lockerer gelassen. "Und dann ging es Schlag auf Schlag", erinnert Tauer sich. Nur Leipzig blieb lange außen vor. "Abgesehen vom Studentenfasching natürlich, aber der erste Leipziger Verein war tatsächlich der Connewitzer Carnevalclub im Jahr 1974."

sl





letzte Aktualisierung: Freitag, 7. November 2008


Video


Saisonauftakt in Leipzig: Hier gibt es das Video zum Umzug und zur Schlüsselübergabe. ... hier klicken!

Ähnlich, nicht gleich


Die Begriffe Fasching, Karneval oder Fastnacht scheinen prinzipiell das Gleiche zu meinen. Doch die Unterschiede sind klein, aber fein. ... hier klicken!

Kontakt

Es fehlt eine Veranstaltung im Terminkalender? Unsere Fotografen dürfen ein bestimmtes Faschingsevent auf keinen Fall verpassen? E-Mail an live@lvz-online.de genügt!