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Hiphopper im Stino-Leben
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Foto: André Kempner
marcelemcy.de
Marcelemcy bei myspace
Die Musikszene der Stadt ist lebendig wie lange nicht. Das belegt unsere Serie über Leipziger Bands. In Folge 56 porträtieren wir Marcelemcy, einen Rapper, der zugleich Sozialarbeiter ist und seine Hiphop-Fertigkeiten in Workshops an Jugendliche weitergibt.

Vor einem halben Leben, mit 13 oder 14, war Marcell Heinrich einer dieser Reudnitzer Bomberjacken-Jungs. Seine Clique hörte Techno und Eurodance und hing auf illegalen Partys in abbruchreifen Häusern ab. Hin und wieder kloppte sie sich mit anderen Jungs aus dem Viertel. Ein schiefer Blick genügte.

Es ist die Welt und die Zeit, die Clemens Meyer im Erfolgsroman „Als wir träumten“ berührend gezeichnet hat – das Bild schlechthin einer ostdeutschen Jugend im Umbruch. „Clemens hat unser Lebensgefühl aufgeschrieben“, sagt Heinrich. Er ist drei Jahre jünger als der Schriftsteller, sie besuchten dieselbe Schule. Die Techno-Partys, zu denen er mit seinen Kumpels Anfang der 90er pilgerte, hatten Meyer und seine Leute organisiert. Heute, mit 28, ist Heinrich unter dem Künstlernamen Marcelemcy einer der wichtigsten Leipziger Rapper. „Wenn ich die Texte von Clemens lese“, sagt er, „frage ich mich, was ohne Hiphop aus mir geworden wäre. Hiphop hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“


Kompakt
Genre: Hiphop

Crew-Mitglieder: Marcelemcy (MC, Produzent), Mr. T-Rox (DJ)

Diskografie: „Auf Dich Zu“ (EP 2003), „Akupunktur“ (Tape 2003), „Akupunktur-Refresh“ (Sampler 2003), Features auf dem Stylerkings-Album „Die Ära beginnt“ (2005) und auf dem DJ-Skala-Sampler „All Inclusive 3“ (2007)

Auftritt: 21. September, 19.30 Uhr, Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Moderation des Freestyle-Battles „Slam- Linez“ im Rahmen des Macht-Musik-Festivals, Anmeldung für Rapper: battle@educationgroup.de

Eine Kassette seines Vaters führte ihn damals zu der neuen Musik-Leidenschaft. Was er nicht ahnte: Als Graffiti-Sprüher gehörte er der Hiphop-Gemeinde längst an. Auch jetzt noch bestimmt das Genre seinen Alltag über das eigentliche Musikmachen hinaus. Der Mann ist im Hiphop-Stress, will man sich mit ihm verabreden, vertröstet er einen auf die folgende Woche und schlägt einen konkreten Tag um acht Uhr morgens vor. „Da könnte noch eine Stunde frei sein. Oder um die Mittagszeit.“ Er kommt dann vom einen Job als Streetworker für den Jugendhaus-Leipzig-Verein – und muss gleich zum nächsten Auftraggeber weiterziehen: An einer Förderschule im Norden der Stadt unterrichtet er Graffiti und Rap.

„Ein Stino-Leben“, sagt er, stinknormal. Er grinst. „Ich bin mit Hiphop erwachsen geworden.“ Seit 14 Jahren ist er mit derselben Frau zusammen, sie haben eine zweieinhalbjährige Tochter. Priorität hat für Heinrich, seine Familie zu ernähren. Nebenbei versucht er, so viel Zeit wie möglich fürs Musikmachen zu finden. „Darüber rappe ich in den neuen Songs. Ich mache Musik für die Bald-30-Jährigen, denen es genauso geht.“ Für Leute, für die Hiphop nicht nur eine Jugendbewegung unter vielen ist, in die sie zufällig geschlittert sind, Leute, denen das Hiphop-Ding als Erwachsene noch genauso viel bedeutet wie eh und je. „Für mich ist Hiphop Liebe, Leidenschaft, Lebensinhalt“, sagt Heinrich.

Dass es so ist und bleibt, war ihm nicht immer klar. Der Hype um den Berliner Aggro-Rap vor ein paar Jahren ging ihm furchtbar auf die Nerven. „Da hat mich das Ganze abgetörnt.“ Das änderte sich erst, als er diese Kultur vor zwei Jahren für seine Diplomarbeit über „Hiphop in der Jugendarbeit“ wissenschaftlich beleuchtete. „Da habe ich mich neu in den Hiphop verliebt.“ Selbst die Aggro-Spielart erkenne er mittlerweile an.

Seit 1996 nennt sich Marcell Heinrich Marcelemcy. Seit fünf Jahren hat er kein Album mehr veröffentlicht, und doch ist dieser Name in der Leipziger Szene noch immer eine große Nummer. Hits wie „Bounce zu dem Rhythmus“ oder seine Leipzig-Stücke „Leipzig dreht am Rad“ und „Leipzig – meine Stadt“ haben die Pause überdauert.

Seinen Ruf erarbeitete er sich zunächst mit drei Freunden als Microphoenix. Die Crew machte durch ausgefallene Freestyle-Raps auf sich aufmerksam. Seit der Trennung im Jahr 2000 sieht sich Marcelemcy als Solo-Künstler – und auch wieder nicht: Seit 2003 arbeitet er regelmäßig mit Mr. T-Rox zusammen. Der DJ, der auch zum Sooshee-Projekt gehört, bastelt Klänge unter Marcelemcys Reime, die auf eigentümliche Weise zugleich mitreißen und entspannen. „Brotherhood“, erklärt Heinrich und klopft sich aufs Herz. Auch mit seinem ehemaligen Microphoenix-Mitstreiter Patrick Seifried alias Patrick 23, der heute zu dem Stylerkings gehört, arbeitet er häufig zusammen, vor allem jedoch in Rap-Workshops für Jugendliche. Weitere Weggefährten sind ÜBK und die menschliche Beatbox Janek Wiatrowski alias J.A.K. the Ripper.


Bandserie
Weitere Bands im Portrait
Selbst wenn er vom Musikmachen mit seinen Rap-Brüdern leben könnte, würde er seine Jugendprojekte weiter verfolgen, sagt Heinrich. Den Geist des Hiphop, das Gefühl von Gemeinsamkeit, welches das Genre seinen Anhängern vermittelt, dem Nachwuchs nahe zu bringen, sei für ihn ebenso Lebensinhalt wie die Musik selbst. „Ich will Leute erreichen“, sagt er. „Wie viel Geld dabei rumkommt, ist zweitrangig.“

Neuerdings nennt sich Marcell Heinrich nicht nur Marcelemcy, sondern auch Marcellis Wallace. Mit T-Rox werkelt er an einem neuen Klang, der an Funk und Elektro sowie den klassischen Hiphop-Sound der 90er angelehnt sei. Auch eine neue Version des Leipzig-Stücks „Meine Stadt“ soll auf dem nächsten Album enthalten sein. Für das Lied steht noch immer Marcelemcys Aufforderung an die lokale Rap-Szene, sich mit Strophen zu beteiligen.

Wann das Resultat zu hören ist, darauf legt er sich lieber nicht fest. Zu oft schon musste Marcelemcy Veröffentlichungspläne über den Haufen schmeißen. Dass Dinge anders laufen als gedacht, gehört wohl zum Erwachsenwerden – auch in der Welt des Hiphop.

Mathias Wöbking

Folge 57 der Bandserie: Mundart/Tonalrausch.



letzte Aktualisierung: 08.10.2008 11:30:07



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